Geschichten aus dem Märchenland

 

Der gebändigte Freigeist

Ein Freigeist lebte während Jahren in einem Märchenland. Er nannte es so, weil den Leuten Geschichten und Märchen aufgetischt wurden. Die Regierungsmitglieder stammten aus zwei grossen Familien, welche seit vielen Jahren die Geschicke des Landes lenkten. Sie führten ihr Volk  mal an der langen, dann wieder an der kürzeren Leine. Zu Beginn wehrten sich einige dagegen. Doch dann wurde es ruhig. Die Zeit hat auch den letzten Kritiker ruhig werden lassen. Eines Tages hörte der Freigeist vom "Versprechen", über das man nicht reden darf. Er kannte keinen Grund, weshalb es so bleiben sollte. Und so machte er sich auf, um dieses Versprechen, welches der Bevölkerung seit Jahren von der Regierung gemacht wurde, einzufordern. Auf seinem Weg traf er viele Menschen, welche ihm zuhörten. Einige liessen den Kopf hängen, bei anderen begannen die Augen zu leuchten. "Ja, es wäre schön, wenn ES endlich eingelöst würde." Und viele sicherten ihm ihre Unterstützung zu. Sie gaben an, ihm ihre Stimme anzuvertrauen. Er nahm dieses Vertrauen beim Wort und versuchte mit der Regierung darüber zu sprechen. Sie waren offen und erklärten, dass es keine Möglichkeit gäbe, um gerade jetzt dieses Versprechen einzulösen. Sie meinten auch, dass das Volk darüber an der nächsten Wahl entscheiden könnte. Und er solle mit den beiden grossen Familien darüber diskutieren. Er rief diese auf, ihm zu erklären, weshalb die Regierung denn das Versprechen nicht einlösen darf. Doch beide Familien blieben stumm. Ihre Türen blieben verschlossen, nur die Türen draussen bei den Leuten im Land standen weit offen.  In diesem Märchenland ist es so, dass die Bewohner zwischendurch wählen durften.  Doch viele gingen gar nicht mehr zur Wahl, denn die vorgeschlagenen Personen stammten immer aus den beiden Familien. Es wurde gar gemunkelt, dass diese sich vor jeder Wahl treffen und den Wahlausgang vorausbestimmen konnten. Für diese Meisterleitung wurden sie von ihren Freunden gefeiert.  Natürlich schauten sie, dass es der Bevölkerung  so gut ging, dass niemand ernsthaft über die wirkliche Situation in diesem Märchenland nachdachte. Als nun dieser Freigeist aber die einfachen Leute an dieses Versprechen erinnerte, begann es zu brodeln und zu rumoren. Sogar Leute, welche den beiden Familien nahestanden oder gar ihnen angehörten, dachten laut darüber nach, dass es an der Zeit wäre, um das Versprechen einzulösen. Daher wurde diese Entwicklung zur echten Gefahr für die Drahtzieher in den beiden Familien. Was können wir dagegen tun? Und plötzlich hatten sie die Lösung. "Wir machen es wie immer, aber diesmal so, dass dieser Freigeist für immer schweigt." Und so liessen sie eine Botschaft weit über das Land hinaus verbreiten, in welcher stand, dass es im Märchenland allen gut geht. Es wurden in der Vergangenheit weise Entscheidungen getroffen, von denen das ganze Land, die Alten und die Jungen, ein Leben lang zehren können. Und nun käme einer daher, welcher alles schlecht redet, schlecht macht, herunterreisst. Wer ihm folgt, ist verantwortlich dafür, dass dieses fruchtbare Land in kürzester Zeit zur Wüste wird. Sein Verhalten wäre abscheulich, niederträchtig, denn er meinte, dass heute noch alles wie im "alten Trott" daherkäme. Und ist denn dieser alte Trott so schlecht gewesen? Die Leute waren entsetzt darüber. Es fiel ihnen wie Schuppen von den Augen. Wie konnten sie auf so einen Scharlatan nur hereinfallen? Sie schämten sich dafür, dass sie auch nur einen Moment an den guten Absichten der beiden Familien gezweifelt hatten. Und in Sekunden wurden sie zu geläuterten Personen. Ja, dieses Versprechen… Wir können auch leben, wenn es nicht eingelöst wird. Ach, das sind ja alte Geschichten… heute ist eine andere Zeit. Die machen es schon gut und schauen für alle. Ein Bekannter meines Mannes meinte auch, dass wir glücklich und dankbar sein können, für alles, was diese beiden Familien für das Land schon getan haben und noch tun werden...  Und so wurde die Person gekürt, welche bei den beiden Familienoberhäuptern schon vor der Wahl als Siegerin feststand. Denn sie kannten die Spielregeln, weil sie diese selber geschrieben haben. Doch das blieb ihr bestgehütetes Geheimnis.  Doch es gab einige, welche sich genau an die Worte des Freigeistes erinnerten. Dieser sagte doch, dass die Art und Weise wie mit dem Volk gesprochen wurde, ihn an die alten Zeiten erinnerten. Er träumte von einem Land, in welchem die Regierung gemeinsam mit dem Volk das Land weiter bringt. Er träumte von mehr Reichtum für jeden einzelnen. Und wie wäre das möglich gewesen?  Indem das Versprechen endlich eingelöst worden wäre.  Ach, und am meisten Freude hatten die beiden Familien daran, dass der Freigeist gar nicht gebändigt werden musste.  Denn sie hatten ja einen Bann gegen ihn ausgesprochen. Gegen einen Bann kann sich aber keiner wehren. Das war die grosse Leistung. Und so werden aus vielen Freigeistern Traumtänzer.

 

 

 

 Das Labyrinth der Goldmünzen

Das Labyrinth der Goldmünzen ist ein schrecklicher Ort. Kaum jemand hatte den Mut  diesen aufzusuchen. Und doch musste es zweimal im Jahr besichtigt und für noch tauglich befunden werden. Das Labyrinth war so gefährlich, dass es von einem ausgewählten  Quintett betreut wurde. An ihrer Seite standen die besten Gärtner, denn es war ein Labyrinth aus Sträuchern, Dornen und Felsen. Und irgendwo darin hauste das Monster, welches alles frass, dass sich in die Tiefe des Labyrinths wagte. Und so kam es, dass nur die Mutigsten  diesen Schritt tun konnten. In diesem Labyrinth war die Goldmünzenfabrik zuhause. Sie war der Quell für das ganze Land. Mit diesem konnte  das Quintett die Ausgaben fürs Land begleichen und schauen, dass es der Bevölkerung gut ging. Doch zuvor musste das Monster besänftigt werden. Zu diesem Zweck begab sich die Bevölkerung einmal im Jahr zum Eingang des Labyrinths und stellte einen Korb mit dem "Zehnten" ihrer Ernte hin. Über Nacht holte das Monster seine Beute. Doch was passiert, wenn ein Monster ständig gefüttert wird. Es gewöhnt sich daran und wächst und wächst und wächst. Deshalb teilte es sich eines Tages und ein kleines neues Labyrinth enststand. Auch dieses musste gefüttert werden, denn das junge kleine Monster hatte von seinen Monstereltern gelernt. Und innert kürzester Zeit mussten die Leute nicht einen Korb, sondern viele Körbe zu verschiedenen Zeiten vor die Eingänge der Labyrinthe tragen. Natürlich war das  dem Quintett nicht entgangen. Erklärungen wurden gesucht. Die Quintetts wurden ausgetauscht, doch keine Verbesserung trat ein. Wenn ein Labyrinth vergessen wurde, brüllte das Monster so, dass die Leute starr vor Angst und Schrecken wurden. "Wie kann das sein, dass die Monster so böse auf uns sind. Wir haben ja immer unsere Körbe gebracht?" Wer Monster kennt, weiss, dass diese keine Moral kennen, weil sie keine haben. Es sind gefühlslose Wesen, die nur wachsen möchten und sich verbreiten. Zu Beginn hatten sie sich ein Labyrinth gebaut, in welchem sie sich vor den Leuten verstecken konnten, weil sie Angst vor ihnen hatten. Sie behielten auch nur einen kleinen Teil der Inhalte der Körbe. Denn an diesem Ort wurden die Gaben der Menschen zu Goldmünzen umgewandelt. Diese holten die Gärtner und brachten sie zum Quintett. Damit wurden Strassen, Schulen, Spitäler, Altersheime, Spielplätze und vieles Mehr fürs Land gebaut. Die Leute waren glücklich – damals. Und wie sieht das heute aus? Die Fütterung ist längst zu einem kalten Akt geworden. Die Leute gehen nicht mehr zu den Eingängen. Das Quintett bestimmt im voraus, was die vielen Monster an Nahrung benötigen. Damit erhoffen sie sich wohl, dass die Monster durch das Jahr ruhig bleiben. Dann wird verkündet, dass die Monster zufrieden sind. Die Umwandlung zu den Goldmünzen ist seit Jahrzehnten gleich. Es gibt immer gleich viele Münzen. Dass diese aber kleiner sind und weniger Gewicht haben, dass wussten wohl nur die Monster. Als eines Tages ein Fremder ins Land trat und von dieser Geschichte hörte, musste er laut lachen. Die meisten Leute wussten nur von ihren Grosseltern wie es war, wenn die Körbe an den Eingängen zu wenig gefüllt waren. Sie wussten von dem Gebrüll und der Angst. Doch keiner von ihnen hatte je ein Monster brüllen gehört. War ja auch nicht mehr nötig, denn das Quintett sorgte dafür, dass schon zu Beginn des Jahres reichlich Nahrung am Eingang bereit stand. Der Fremde kam nicht mehr aus dem Staunen heraus. Zum Schluss meinte er, dass es auch in seinem Land solche "Monsterlabyrinthe" gab. Jetzt wollten die Leute mehr darüber erfahren. "Ja, unsere würden auch brüllen… doch dann hatten wir sie auf Diät gesetzt. Zu Beginn hatten wir Angst vor der Reaktion aus den Tiefen der Labyrinthe. Doch es blieb stumm. Die Labyrinthe wurden kleiner, die Wege säuberten sich vor Dornen und Steinen… bis nach einigen Tagen das erste so ungefährlich erschien, dass ein Mutiger sich hineintraute. Und plötzlich viel es ihm wie Schuppen von den Augen. Die Monster bauten sich diese gefährlichen Labyrinthe zur Tarnung, um möglichst viel von den Gaben selbst zu verschlingen. Und je mehr bei Ihnen "verschwand", umso grösser und mächtiger wurden sie. Deshalb beschlossen wir gemeinsam, was wir für unser Land brauchten. Und so bekamen die Monster weniger, die Labyrinthe wurden kleiner. Seit Jahren geht es uns besser. Denn die Münzen sind wieder grösser und schwerer geworden. Das freute uns am meisten."